Zwei Kurven voraus.

Eine fünfteilige Serie über Führung, Vertrauen und Zusammenarbeit. Teil 4.

Warum Hochleistung selten Vollgas bedeutet – Was Rallye-teams über Resilienz, Fokus und nachhaltige Performance lehren

„Wir haben uns von Anfang an darauf geeinigt, lieber mit 80 oder 90 Prozent zu fahren als mit 110“ erkärt Basti Knerr seine Zusammenarbeit mit Michael Mlynarski im Rallyesport.

Ehrlich gesagt hatte ich etwas anderes erwartet: wenn Menschen freiwillig Rallyes fahren, stelle ich mir automatisch maximale Geschwindigkeit, maximale Risikobereitschaft und den permanenten Versuch, ans Limit zu gehen, vor. Doch genau das beschreiben weder Michael noch Bastian in unserem Gespräch. Im Gegenteil: Je länger wir sprechen, desto deutlicher wird es, dass erfolgreicher Rallyesport vor allem die Kunst ist, nicht ständig am Limit zu fahren.

Denn eine Raylle besteht aus vielen hundert Entscheidungen, bei der jede einzelne die nächste beeinflusst. Wer in einer Kurve versucht, alles herauszuholen, verliert möglicherweise die Kontrolle in der darauffolgenden.

Deshalb denken erfahrene Rallyeteams anders. Sie fragen nicht: „Wie schnell können wir diese Kurve fahren?“, sondern: „Wie kommen wir möglichst schnell durch die gesamte Rallye?“

Das klingt ähnlich, ist aber etwas völlig anderes. 

Leistung ist kein Sprint

Bastian beschreibt die gemeinsame Herangehensweise sehr nüchtern. „Lieber kommen wir sicher ins Ziel und lernen etwas dazu, als dass wir für die letzten zehn Prozent alles riskieren.“

Dieser Satz wirkt zunächst fast unambitioniert. Bis man versteht, worum es ihm tatsächlich geht: nicht nur um die erfolgreiche Beendigung des aktuellen Rennens, sondern auch darum, sich als Team kontinuierlich zu verbessern. Das Ziel ist klar: Jede Rallye sollte die beiden erfahrener machen, sicherer, schneller.

Diese Perspektive fehlt in vielen Organisationen. Dort wird häufig die einzelne Deadline optimiert, das einzelne Projekt, das jeweilige Quartal. Dieser Vorgehen ist problematisch, denn dabei gerät leicht aus dem Blick, dass Teams nicht nur heute, sondern auch in Zukunft leistungsfähig sein müssen. Dafür ist auch Humor wichtig. So erzählt Basti von einer weiteren Situation, die die Zusammenarbeit der beiden erläutert: während einer ADAC-Rallyeschule, verlieren sie das Fahrzeug auf einer Schotterkurve und stehen plötzlich quer am Hang. Der Motor läuft noch, beide schauen sich an – und müssen lachen. „Das war unser erstes Rennen und eigentlich der Moment, in dem wir wussten: Das funktioniert.“

Michael und Bastian haben sich dieses Vertrauen nicht vorgenommen. Sie haben es gemeinsam aufgebaut. Über viele Rallyes hinweg. Über Erfolge und genauso über Rückschläge. Und genau deshalb funktioniert es im entscheidenden Moment. Nicht, weil jemand daran denkt, sondern weil es zwischen den beiden längst selbstverständlich geworden ist – auch durch die gemeinsame Bewältigung von Fehlern.

Ruhe ist eine Führungsleistung

Gelacht wird aber meistens erst hinterher. Während des Rennens geht es um Ruhe und Ruhebewahren – beides Ergebnis der intensiven gemeinsamen Vorbereitung. Weil jeder seine Rolle kennt und niemand versucht, gleichzeitig alles zu kontrollieren, entsteht ein erstaunlicher Effekt: je hektischer die Situation wird, desto ruhiger bleibt die Kommunikation.

In Unternehmen machen viele Führungskräfte oft genau das Gegenteil: je größer der Druck wird, desto mehr Informationen werden gleichzeitig eingefordert. Es wird häufiger nachgefragt, mehr kontrolliert, mehr eingegriffen. Dabei steigt die Belastung aller Beteiligten zusätzlich.

Im Rallyeauto passiert genau das nicht. Denn die Rollen sind klar verteilt, und es herrscht Vertrauen.

Resilienz bedeutet nicht, immer stark zu sein

Als ich Michael zum Ende unseres Gesprächs frage, welche Eigenschaften Menschen eigentlich brauchen, um Rallye zu fahren, spricht er nicht über Mut, Adrenalin oder Risikobereitschaft, sondern über Beharrlichkeit, über die Bereitschaft, nach Rückschlägen weiterzumachen und über den Willen, aus jeder Rallye etwas mitzunehmen. 

Und es wird klar: Resilienz bedeutet für ihn nicht, niemals zu scheitern, sondern nur, Rückschläge nicht zum Ende der Geschichte werden zu lassen.

Er erläutert nochmal die mentale Belastung aller Beteiligten: Der Fahrer verarbeitet permanent neue Informationen. Der Copilot liest im Sekundentakt den Aufschrieb. Hinzu kommen Herausforderungen für beide: Wetter, Reifendruck, Zeitkontrollen, technische Probleme, und unerwartete Ereignisse. Unter diesen Bedingungen zeigt sich, ob ein Team wirklich zusammenarbeitet – oder ob es nur so lange funktioniert, bis der Druck steigt. Auch Bastian beschreibt diesen Punkt sehr eindrücklich, indem er erklärt. „Egal was passiert wir sind nie unangenehm miteinander geworden.“ Das ist bemerkenswert, denn Stress verändert oft die Kommunikation: Menschen werden kürzer, ungeduldiger und emotionaler. 

Führung schützt Leistungsfähigkeit

Am Ende unseres Gesprächs denke ich noch einmal an Bastians Satz zurück: „Lieber mit 80 oder 90 Prozent fahren.“ Es ist klar: er spricht hier weniger über Vorsicht als über Verantwortung und über nachhaltige Führung. Er denkt nicht nur an die eigene Person und das Team, sondern auch an das Fahrzeug und die nächste Rallye. Er weiß: als Führungskraft geht es nicht darum, Menschen dauerhaft bis an ihre Grenzen zu bringen, sondern darum Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen Leistung auch über Jahre möglich bleibt. Denn Hochleistung entsteht selten dadurch, dass alle immer mehr geben, sondern dadurch, dass Menschen ihre Energie dort einsetzen können, wo sie wirklich Wirkung entfaltet.

Michael erzählt gegen Ende unseres Gesprächs, dass sie in diesem Jahr aus organisatorischen Gründen auf eine Rallyesaison verzichten mussten. „Das fehlt einem“, sagt er und beschreibt schwärmerisch die Vorbereitung, die Spannung, das gemeinsame Wochenende, das gute Gefühl, nach der letzten Wertungsprüfung im Ziel anzukommen und anschließend gemeinsam Videos anzuschauen, um einzelne Situationen noch einmal zu erleben.

Ich verstehe ihn und denke mir gleichzeitig: vielleicht ist diese erzwungene Pause gar nicht so schlecht und gibt den beiden genau das, was sie nächste Saison brauchen: umso mehr Energie, Vorfreude und Motivation. 

Denn im Unternehmensalltag erscheint genau das Gegenteil häufig normal – ein Projekt folgt dem nächsten, eine Deadline ersetzt die vorherige, kaum ist ein Ziel erreicht, beginnt bereits der nächste Sprint. Natürlich sind viele Teams und Individuen da irgendwann erschöpft. Nicht weil sie zu wenig leisten oder grundsätzlich nicht leistungsbereit sind, sondern weil sie niemals Zeit haben, das Erreichte zu verarbeiten und in kreative, neue Energie zu verwandeln.

Was wir aus dieser Etappe mitnehmen können

Nachhaltige Performance entsteht nicht durch permanentes Arbeiten am Limit. Erfolgreiche Teams wissen, wann sie beschleunigen müssen – und wann nicht. Sie verstehen Leistung als langfristige Entwicklung, nicht als kurzfristigen Kraftakt. Gute Führung schützt deshalb nicht nur Ergebnisse, sondern auch die Menschen, die sie möglich machen.

Im fünften und letzten Teil unserer Serie geht es um die vielleicht überraschendste Erkenntnis aus dem Rallyesport: Warum die wichtigste Führungskraft manchmal gar nicht am Steuer sitzt.

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