Fehler sind Informationen – Was Unternehmen von Rallyeteams über Fehlerkultur lernen können
Michael berichtet von einer Rallye im Saarland. Wochenlange Vorbereitung, sechs Stunden Anreise, Mechaniker, die für ein perfekt vorbereitetes Fahrzeug sorgen, ein sorgfältig ausgearbeiteter Aufschrieb – und dann passiert es: Drei Kurven vor dem Ende der ersten Wertungsprüfung verliert Michael das Auto. Er kommt zurück auf die Straße, bleibt im aufgeweichten Boden stecken – und die Rallye ist vorbei.
Ein ganzes Wochenende, mehrere tausend Euro, monatelange Vorbereitung – alles endet innerhalb weniger Sekunden.
Ich frage mich unwillkürlich, wie das Gespräch danach wohl ausgesehen haben muss. Doch Michael antwortet bereits: „Natürlich war das mein Fehler“. Dabei entsteht jedoch nicht der Eindruck, dass er sich rechtfertigt, denn ihm und seinem Co-Piloten Basti ist klar: Fehler gehören zum System und die relevante Frage lautet nicht, ob, sondern nur, wann sie passieren.
Diese Haltung verändert viel. Denn wer davon ausgeht, dass Fehler grundsätzlich nicht passieren dürfen und immer vermeidbar sind, sucht nach Schuldigen, sobald diese doch auftauchen. Wer aber akzeptiert, dass Fehler Teil jeder komplexen Arbeit sind, sucht nach Lösungen – in der gegenwärtigen Situation und für die Zukunft.
Auch werden bei Basti und Michael Verantwortung und Schuld nicht miteinander verwechselt und es wird klar: Das übernehmen von Verantwortung bedeutet für Michael nicht, sich selbst kleinzumachen, sondern die Realität anzuerkennen. Denn beiden ist bewusst: nur wer Verantwortung übernimmt, kann beim nächsten Mal versuchen, Fehler früher zu erkennen, besser zu lösen und idealerweise – auf Basis des Gelernten – zu vermeiden. Dabei hilft es ihnen, als Team gemeinsam Routinen zu entwickeln und Fehler früh sichtbar zu machen, um mit ihnen umgehen zu können. Denn je früher ein Problem sichtbar wird, desto größer ist der Handlungsspielraum. Und je länger Menschen versuchen, einen Fehler zu kaschieren, desto kleiner werden die Möglichkeiten.
Fehler sichtbar machen – Die Schuldfrage hilft niemandem
Mit Blick auf meine Erfahrungen in Unternehmen frage ich mich: warum werden Probleme zurückgehalten, Unsicherheiten verschwiegen und Dinge, die nicht optimal gelaufen sind, erst angesprochen, wenn sie längst Auswirkungen auf Termine, Budgets oder Kunden haben? Dabei liegt die Antwort eigentlich auf der Hand: Menschen haben oft Angst – vor Bewertung, vor Konsequenzen, oder einfach vor der Aussicht, als wenig kompetent zu gelten. Und gleichzeitig wird mir klar: im Rallyeauto wäre dieses Verhalten undenkbar. Nicht, weil die Michael und Basti unbedingt mutiger sind, sondern weil den beiden klar ist, dass Offenheit die sicherste Option ist.
Michael erklärt dieses Prinzip noch einmal: “Wenn Bastian merkt, dass das Fahrzeug gleich die Kontrolle verlieren könnte, ruft er sofort: „Gas!“ Oder: „Bleib drauf!“. Nicht, weil er besser fahren könnte, sondern weil beide dasselbe Ziel verfolgen: das Auto auf der Straße zu halten. Wer die Situation verursacht hat, ist dann schlicht irrelevant und die einzige wichtige Frage lautet: Wie lösen wir das jetzt gemeinsam?” Im Krisenmoment geht es nicht um Ursachenforschung, sondern um Stabilisierung, damit sie beide lebend ans Ziel kommen. Die Analyse folgt später.
Auch wird in diesem Zusammenhang deutlicher, dass Fehlerkultur gar nicht erst beim Fehler beginnt. Sondern dort, wo Menschen lernen, sich gegenseitig zu vertrauen. Wo sie erleben, dass Offenheit nicht bestraft wird. Wo sie Verantwortung übernehmen dürfen, ohne Angst haben zu müssen.
Michael und Bastian haben sich dieses Vertrauen nicht vorgenommen. Sie haben es gemeinsam aufgebaut. Über viele Rallyes hinweg. Über Erfolge und genauso über Rückschläge. Und genau deshalb funktioniert es im entscheidenden Moment. Nicht, weil jemand daran denkt, sondern weil es zwischen den beiden längst selbstverständlich geworden ist – auch durch die gemeinsame Bewältigung von Fehlern.

Fehler entscheiden nict über erfolg
Als unser Gespräch endet, denke ich noch einmal an die Rallye im Saarland. Eigentlich hätte diese Geschichte von einem gescheiterten Wochenende handeln können. Stattdessen erzählt Michael sie als Geschichte gemeinsamen Lernens. Dabei geht es nicht um ‘Schönrederei’, denn im Rallyesport kostet ein Fehler manchmal ein Rennen. Genauso wie es in Unternehmen Zeit, Geld oder Reputation kosten kann. In beiden Fällen gilt jedoch dasselbe Prinzip: Je schneller Teams Verantwortung übernehmen, offen kommunizieren und gemeinsam handeln, desto geringer werden die Folgen.
Was wir aus dieser Etappe mitnehmen können
Fehlerkultur beginnt nicht mit dem Fehler, sondern mit Vertrauen. Teams werden nicht dadurch stark, dass keine Fehler passieren. Sie werden stark, weil Probleme früh sichtbar werden, Verantwortung übernommen wird und die gemeinsame Lösung wichtiger ist als die Suche nach Schuldigen.
Im vierten Teil der Serie geht es um eine überraschende Erkenntnis aus dem Rallyesport: Warum die besten Teams bewusst nicht mit 110 Prozent fahren – und was nachhaltige Hochleistung wirklich ausmacht.

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