Was rallyesport über moderne Führung verrät.
Michael Mlynarski steuert sein Rallyefahrzeug über eine schmale Landstraße. Vor ihm verschwindet die Strecke hinter einer Kuppe. Dahinter liegt eine Kurve, die er noch nicht sehen kann. Trotzdem nimmt er den Fuß nicht vom Gas.
Nicht, weil er sie kennt. Sondern weil ihm jemand sagt, was kommt. Neben ihm sitzt Bastian Knerr: „Rechts vier. Nicht schneiden. Über Kuppe. Links fünf öffnet.“
Während Michael das Fahrzeug präzise durch die aktuelle Kurve lenkt, liest Bastian den sogenannten Aufschrieb – die Streckenbeschreibung, die beide am Vortag gemeinsam erstellt haben. Jede Bodenwelle, jeder Bremspunkt, jede Kuppe und jede Kurve wurden dokumentiert.
Michael hört zu und vertraut Bastian – vollständig.
Als ich mit den beiden über ihr gemeinsames Hobby spreche, wird schnell klar: Eigentlich ist der Rallyesport nicht einfach eine geteilte Leidenschaft für schnelle Autos und Abenteuer. Es ist eine Geschichte über ihre Zusammenarbeit und eine von tiefem Vertrauen geprägte Beziehung – auch und gerade unter Unsicherheit. Und so erzählt dieses Interview über Rallyesport auch erstaunlich viel darüber, wie die Arbeit bei den QualityMinds funktioniert.
Gute Führung beginnt lange vor der ersten Entscheidung
Wer noch nie bei einer Rallye war, sieht meistens nur den spektakulären Teil: Der Boden vibriert unter den Füßen, ein Fahrzeug rast vorbei, der Motor heult auf. Wenige Sekunden später ist alles wieder vorbei und nur eine Wand aus Staub und dem beißenden Geruch von verbranntem Gummi bleibt in der Luft hängen.
Was niemand sieht, ist die Vorbereitung. Vor jeder Rallye fahren Michael und Bastian jede Wertungsprüfung zweimal mit einem normalen Straßenfahrzeug ab. Sie diskutieren jede Kurve: Wo muss gebremst werden? Wie eng fühlt sich die Kurve an? Gibt es Bodenwellen? Wo verändert sich der Straßenbelag? Welche Orientierungspunkte helfen später dabei, den richtigen Bremspunkt zu finden?
Aus diesen Gesprächen entsteht der Aufschrieb – neben dem Auto das wichtigste Arbeitsmittel eines Rallyeteams.
„Beim ersten Durchgang beschreibt Michael die Strecke aus seiner Perspektive“, erklärt Bastian. „Ich schreibe alles mit. Beim zweiten Durchgang überprüfen wir gemeinsam, ob unsere Einschätzung stimmt oder ob wir etwas ergänzen müssen.“ Erst wenn beide dasselbe Bild der Strecke vor Augen haben, gilt die Vorbereitung als abgeschlossen.
Dieser Gedanke wirkt erstaunlich vertraut. Denn auch in Unternehmen wird Führung häufig mit der ‚richtigen Entscheidung im kritischen Moment‘ gleichgesetzt. Tatsächlich jedoch entscheidet sich vieles lange vorher: Wie gut wurde vorbereitet? Wie, wo und wann wurden unterschiedliche Perspektiven einbezogen? Haben alle Beteiligten dasselbe Verständnis vom Ziel und dem ‚Warum‘?
Vielerorts scheitern Projekte somit nicht an ihrer Umsetzung, sondern daran, dass nie ein gemeinsames Bild entstanden ist. Bei Michael und Basti ist das anders. Aber es geht nicht nur um Zielvorstellung, sondern auch um Verantwortlichkeiten und Perspektiven.

Klare Rollen schaffen Geschwindigkeit.
Bastian beschreibt seine Rolle so: „Michael ist immer in der aktuellen Kurve. Ich bin zwei oder drei Kurven voraus.“
Dieser Satz erklärt mehr über ihre Zusammenarbeit als viele Managementmodelle. Michael konzentriert sich ausschließlich auf das, was unmittelbar vor ihm liegt. Geschwindigkeit, Fahrzeugkontrolle und Ideallinie verlangen seine vollständige Aufmerksamkeit. Bastian dagegen denkt bereits an die nächste Kurve, und daran, was in den nächsten Sekunden ansteht oder passieren könnte.
Gleichzeitig könnten sie die Aufgaben des anderen nicht übernehmen. Aber darum geht es auch nicht – im Gegenteil: Es fällt immer wieder auf, wie konsequent Michael und Bastian ihre Rollen voneinander trennen. Niemand greift in den Aufgabenbereich des anderen ein. „Es würde keinen Sinn ergeben, wenn wir regelmäßig Fahrer und Copilot tauschen würden“, sagt Bastian. „Mit der Zeit entwickelt jeder eine hohe Expertise in seiner Rolle.“
„Es gibt im Rallyesport einen Spruch“, sagt Michael und lacht. „Das Gehirn sitzt rechts.“ Denn während der Fahrer das Fahrzeug bewegt, übernimmt der Co-Pilot Orientierung, Struktur und Vorausschau. Er filtert Informationen und entscheidet, welche wann relevant werden. Kurzum: er hält den Fahrer mental frei.
Und genauso verstehen die beiden auch ihre Zusammenarbeit bei den QualityMinds: Es geht nicht darum, dass eine Person alles entscheidet, sondern darum, dass verschiedene Perspektiven und Fähigkeiten gewertschätzt werden.
Was bei Michael und Basti normal ist, findet im Unternehmensalltag vieler Organisationen dagegen erstaunlich selten statt. Verantwortlichkeiten verschwimmen häufig, mehrere Personen fühlen sich für dieselbe Aufgabe zuständig und manchmal fühlt sich sogar niemand verantwortlich. Die Folge sind Abstimmungsschleifen, Unsicherheit, und Entscheidungen, die immer wieder neu diskutiert werden.
Bei Michael und Basti hingegen weiß jeder genau, wofür er verantwortlich ist. Nicht, weil Hierarchien das vorgeben, sondern weil allen beiden bewusst ist, dass die gemeinsame Leistung bzw. ihr Erfolg davon abhängen.
Vertrauen ist keine Emotion
Während unseres Gesprächs frage ich Michael noch, ob er während einer Rallye jemals darüber nachdenkt, ob eine Ansage seines Co-Piloten stimmen könnte. Er schüttelt den Kopf: „Wenn ich beginne, die Ansagen zu hinterfragen, verlieren wir nicht nur Zeit – dann wird es gefährlich.“
Auch dieser Satz bleibt hängen. Denn Vertrauen bedeutet hier nicht Sympathie, sondern Handlungsfähigkeit. Es ersetzt Kontrolle und ermöglicht Geschwindigkeit. Und es entsteht nicht während der Rallye, sondern in zahllosen Gesprächen vorab – durch wiederholte gemeinsame Erfahrungen und bewährte Verlässlichkeit. Im Unternehmenskontext sprechen wir oft darüber, dass Vertrauen wichtig sei. Im Rallyesport wird deutlich, warum: es ermöglicht das sichere Navigieren komplexer Situationen.

Teamwork makes the Dream work
Je länger das Gespräch dauert, desto mehr verändert sich mein Blick auf das Rallyeauto.
Zu Beginn dachte ich automatisch an den Fahrer, an Geschwindigkeit, Risikobereitschaft und Fahrzeugbeherrschung. Am Ende denke ich vor allem an den Menschen auf dem Beifahrersitz und an jemanden, der selbst nie ins Lenkrad greift und der trotzdem permanent führt – weil er Orientierung gibt und durch Expertise überzeugt.
Am Ende wird klar: Niemand gewinnt eine Rallye allein. Es ist das perfekte Ineinandergreifen zweier Spezialisten auf engstem Raum, das Höchstleistung überhaupt erst möglich macht. Wenn der eine blind vertraut und der andere klug vorausdenkt, entsteht eine Dynamik, die kein Einzelkämpfer je erreichen könnte. Klare Rollen bremsen nicht aus – sie schaffen den Freiraum für maximales Tempo.
Denn erst wenn jeder seine Position kompromisslos ausfüllt und die Stärke des anderen voll zur Geltung bringt, verwandelt sich individuelle Kompetenz in gemeinsamen Erfolg: Teamwork makes the dream work – auf der Schotterpiste genauso wie im Projektalltag.
Was wir aus dieser ersten Etappe mitnehmen können
Rallyesport zeigt, dass Führung nicht erst in kritischen Situationen beginnt. Sie entsteht in der Vorbereitung, in klarer Rollenverteilung und im gemeinsamen Verständnis dessen, was vor einem liegt. Wer unter Unsicherheit erfolgreich handeln will, braucht Menschen, die sich auf unterschiedliche Aufgaben konzentrieren und einander vollständig vertrauen können.
Wenn Ihr noch mehr über Michaels und Bastis Erfahrungen beim Rallyefahren und den QualityMinds erfahren wollt, dann lest gern auch unseren nächsten Blog-Post dieser Serie. Dabei beschäftigen wir uns noch mehr mit der Frage: Warum macht Vertrauen Teams schneller als Kontrolle?
Schreib uns eine Mail – wir freuen uns auf deine Nachricht! hello@qualityminds.de oder auf LinkedIn
- Zwei Kurven voraus: Was Rallyesport über moderne Führung verrät – Eine fünfteilige Serie über Führung, Vertrauen und Zusammenarbeit. Teil 5.
- Zwei Kurven voraus: Was Rallyesport über moderne Führung verrät – Eine fünfteilige Serie über Führung, Vertrauen und Zusammenarbeit. Teil 4.
- Zwei Kurven voraus: Was Rallyesport über moderne Führung verrät — Eine fünfteilige Serie über Führung, Vertrauen und Zusammenarbeit. Teil 3.