Zwei Kurven voraus.

Eine fünfteilige Serie über Führung, Vertrauen und Zusammenarbeit. Teil 2.

Warum High-Performance-Teams nicht alles absichern können

„Wenn ich beginne, die Ansagen meines Co-Piloten zu hinterfragen, verlieren wir nicht nur – dann wird es gefährlich.“ Michael Mlynarski, Rallyefahrer und Co-CEO der QualityMinds, sagt diesen Satz ohne Pathos, fast beiläufig. Und doch steckt darin eine Erkenntnis, die weit über den Rallyesport hinausgeht: Vertrauen ist entscheidend für die Handlungsfähigkeit, Sicherheit und Leistung eines Teams. Anders als in vielen Unternehmen ist sie im Motorsport kein ‚Nice-to-have‘ oder eine ‚Kulturfrage‘. Sie ist conditio sine qua non.

Wenn Michael mit hoher Geschwindigkeit auf eine Kuppe zufährt, kann er die Straße dahinter nicht sehen. Er weiß nicht, ob eine schnelle Rechtskurve folgt oder eine enge Kehre. Er entscheidet auf Basis der Informationen seines Co-Piloten Bastian Knerr. Nicht, weil er muss, sondern weil er keine Alternative hat. Würde er jede Ansage überprüfen wollen, wäre der kritische Moment, in dem die Entscheidung getroffen werden müsste, bereits vorbei. Vertrauen ersetzt hier Kontrolle also nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil Kontrolle zu langsam wäre und sie den Sieg kosten könnte.

Vertrauen ist kein Gefühl. Es ist eine Arbeitsweise sie entsteht lange vor dem Ernstfall

„Am Ende entscheidet der Fahrer, wie sich eine Kurve für ihn anfühlt“, erklärt Bastian „Meine Aufgabe ist es nicht, Michael zu überzeugen, sondern seine Wahrnehmung bestmöglich zu unterstützen.“ Doch diese Aufgabe beginnt nicht erst im Rennen, sondern bereits in dessen Vorbereitung. Dann diskutieren die beiden Fragen wie: Wie eng ist diese Kurve wirklich? Ist sie eine Rechts-vier oder eher eine Rechts-fünf? Fehlt noch ein Orientierungspunkt? Müssen wir etwas ergänzen?

Ist die Entscheidung gefallen, endet die Diskussion jedoch – weil sie jetzt als Team handeln müssen und weil sie darauf vertrauen, gemeinsam zur richtigen Einschätzung gekommen zu sein.

Sofort denke ich an die vielen Projekte, die in Unternehmen nicht oder nur sehr zögerlich und schwerfällig umgesetzt werden, und frage mich: Sind die immer wieder neu einsetzenden Diskussionen – nachdem die Entscheidung doch vermeintlich getroffen wurde – vielleicht Indiz dafür, dass man dem Entscheidungsprozess oder den ‚Entscheidern‘ am Ende doch nicht so richtig traut? Liegt die Tatsache, dass der Unterschied zwischen vorbereitender Diskussion und zielgerichtetem Handeln nicht konsequent gelebt wird, vielleicht am mangelndem Vertrauen der Beteiligten?

Kontrolle vermittelt Sicherheit. Vertrauen schafft Geschwindigkeit.

Im Rallyesport gibt es zu Vertrauen keine Alternative. Insbesondere ein starkes Kontrollbedürfnis hilft im Rennen nicht. Denn neben dem richtigen Zeitpunkt für Diskussionen lehrt der Rallyesport, dass übemäßiges Hinterfragen und Skepsis einem guten Ergebnis nicht zuträglich sind. Denn wenn Michael anfängt, an Bastis Ansagen zu zweifeln und dadurch vorsichtiger fährt, verliert er an Geschwindigkeit.

Dabei bedeutet Vertrauen nicht, Risiken auszublenden oder den eigenen Kopf komplett auszuschalten. Stattdessen geht es darum, dass jeder seine Rolle so gut ausfüllt, dass der andere darauf aufbauen kann. Und dennoch kann natürlich mal was anders laufen als geplant… Laut Michael und Basti sind diese Momente aber dann genau die Bewährungsprobe, auf die es ankommt.

Vertrauen zeigt sich besonders dann, wenn etwas schief läuft

So ist es schon passiert, dass Basti sich im Aufschrieb verlor und sagen musste: „Ich bin raus.“ Er gab dann keine Erklärung, keine Entschuldigungen und rechtfertigte sich nicht. Ebenso gab es von Michael kein Nachfragen, kein Misstrauen und keine Vorwürfe. Stattdessen fokussierte er sich nach Bastis Worten auf das, was in seiner Macht stand: Reduktion des Tempos, Fahren auf Sicht und das ruhige Abwarten, bis Basti den Faden wiederfand. Und tatsächlich: Sobald die beiden wieder synchron waren, ging es erneut voll los.

Negative Konsequenzen hatte diese Episode für die Beziehung der beiden nicht – im Gegenteil, sie machte ihnen klar, was sie intuitiv bereits wussten: Dass eine ehrliche Standortbestimmung immer die beste Grundlage ist, um wieder gemeinsam schnell auf Kurs zu kommen.

Diese Einsicht deckt sich mit Erkenntnissen der modernen Führungsforschung: Je kompetenter und eingespielter Menschen sind, desto mehr verliert engmaschige Verhaltenskontrolle an Wert. Vertrauen ersetzt dabei jedoch nicht die Notwendigkeit von Strukturen. Vielmehr verschiebt sich die Rolle von Kontrolle – weg von lähmendem Mikromanagement im laufenden Prozess, hin zu klaren Leitplanken, unmissverständlichen Rollen und Räumen für eigenständiges Handeln. So bedeutet Vertrauen im Team nicht, blind zu hoffen, dass keine Fehler passieren – sondern darauf zu vertrauen, dass Vereinbarungen eingehalten werden und Fehler ohne Gesichtsverlust korrigiert werden können.

Was wir aus dieser Etappe mitnehmen können

Vertrauen entsteht nicht durch Appelle, sondern durch gemeinsame Erfahrungen. Es wächst dort, wo Rollen klar sind, Diskussionen zum richtigen Zeitpunkt stattfinden und Menschen sich darauf verlassen können, dass andere ihre jeweilige Verantwortung übernehmen. Kontrolle mag kurzfristig Sicherheit vermitteln, aber Vertrauen macht Teams dauerhaft handlungsfähig.

Im nächsten Teil unserer Serie geht es um die Frage, wie man es schafft, Fehler unter Höchstgeschwindigkeit gemeinsam zu bewältigen?

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